Verschlüsseltes Archiv — Praxis für Redaktionen
Eine Handreichung. Welche Werkzeuge, welche Konfiguration, welche Rechtsgrundlage. Vom journalistischen Quellenschutz nach § 53 Abs. 1 StPO bis zur Schlüsselverwaltung mit age, GPG und Hardware-Tokens — mit Versionsständen Mai 2026.
Diese Anleitung richtet sich an Redaktionen, die ein verschlüsseltes Archiv für Recherche-Material aufsetzen wollen — Quellen-Korrespondenz, Originaldokumente, Audio-Aufnahmen, Interview-Transkripte. Sie ersetzt nicht die rechtliche Beratung im Einzelfall, ist aber so konkret wie möglich gehalten.
Rechtsgrundlage
Der journalistische Quellenschutz nach § 53 Abs. 1 Nr. 5 StPO und das verfassungsrechtlich abgesicherte Recht aus Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG verpflichten Redaktionen, Vorkehrungen zu treffen, die Quellen vor Identifikation schützen. Das BVerfG hat in Cicero (BVerfGE 117, 244) klargestellt: Die Vorkehrungen müssen technisch wirksam sein, nicht nur formell.
Eine Redaktion, die unverschlüsselte Recherche-Dateien auf einem unverschlossenen Server vorhält, riskiert einen Beschlagnahme-Zugriff nach § 94 StPO, gegen den der Pressevorbehalt formal greift, faktisch aber das Material kompromittiert ist, bevor es einer Pressekammer vorgelegt werden kann.
Schicht 1 — Geräte-Verschlüsselung
macOS: FileVault 2 mit Institutional Recovery Key. Aktivierung über Systemeinstellungen, Recovery-Key in einem getrennten 1Password-Tresor mit zwei Mitwissern (Vier-Augen-Prinzip).
Linux: LUKS2 mit Argon2id (cryptsetup ≥ 2.4). Beispiel:
cryptsetup luksFormat --type luks2 --pbkdf argon2id /dev/sdX1
Windows: BitLocker mit XTS-AES-256 (Group Policy auf Domain-Controller setzen, lokale Defaults sind XTS-AES-128).
Schicht 2 — Dateien-Verschlüsselung
Für einzelne Dateien empfiehlt sich age (https://age-encryption.org/, v1.2.x), ein modernes Verschlüsselungs-Werkzeug von Filippo Valsorda. age verwendet X25519 für asymmetrische und ChaCha20-Poly1305 für symmetrische Verschlüsselung — ohne die Konfigurationslast von GPG.
Beispiel: Empfänger-Schlüssel erzeugen und Datei verschlüsseln:
age-keygen -o key.txt
age -r <public-key> -o quelle-2026-05.tar.age quelle-2026-05.tar
age unterstützt SSH-Keys als Empfänger (-R ~/.ssh/authorized_keys), was die Schlüsselverwaltung für ein Redaktions-Team mit existierender SSH-Infrastruktur radikal vereinfacht.
GPG bleibt für Signaturen und für rückwärtskompatible Kommunikation mit externen Quellen relevant. Für reines Datei-Storage ist age 2026 die bessere Wahl.
Schicht 3 — Hardware-Tokens
Quellschlüssel gehören nicht auf den Arbeits-Laptop. YubiKey 5C NFC (Firmware ≥ 5.7) unterstützt OpenPGP-Smartcard, FIDO2 und PIV. Die OpenPGP-Smartcard hält Encryption-, Signing- und Authentication-Subkeys; der Master-Key bleibt auf einem getrennten, offline gehaltenen Backup-Token.
Konfigurations-Tipp: Die PIN-Versuchszähler nicht auf den Default belassen. gpg --card-edit → admin → passwd → Optionen 4 und 5 für Reset-Counter und Admin-PIN setzen. Drei Fehlversuche und der Token sperrt — das ist gewollt.
Schicht 4 — Backups
3-2-1-Regel: drei Kopien, zwei verschiedene Medien, eine off-site. Konkret:
- Lokal: verschlüsselte externe SSD (LUKS2), wöchentlich rotiert
- Cloud: Borg-Backup nach Borgbase oder rsync.net (beide mit clientseitiger Verschlüsselung; Borg verwendet ChaCha20-Poly1305 mit individuellem Repository-Key)
- Off-site: jährlicher Vollabzug auf eine zweite SSD bei einem Vereinssitz oder Anwaltskanzlei (Beschlagnahmesicherheit)
Schicht 5 — Kommunikation
Quellen-Kontakt ausschließlich über Signal mit Verschwindenden Nachrichten (Default: 4 Wochen) und mit registrierten Sicherheitsnummer-Verifikationen. Threema (Schweiz) ist eine vertretbare Alternative mit guter Rechtsschutz-Position.
E-Mail-Verschlüsselung mit GPG bleibt für institutionelle Korrespondenz relevant — wenn die Gegenstelle es bedient. SMIME ist 2026 nicht mehr empfehlenswert (Effing-Attacke 2018, weiterhin nicht in allen Clients gefixt).
Schicht 6 — Veröffentlichungs-Pipeline
Vor der Veröffentlichung jedes Dokuments: EXIF-Stripping (exiftool -all= dokument.pdf), PDF-Sanitization (qpdf --linearize), Bild-Metadaten entfernen, Office-Dateien in ODF konvertieren (Office hat unsichtbare Tracking-Informationen, die selbst bei „Inhaltsinspektor” übrig bleiben).
Stand und Aktualisierungs-Politik
Diese Anleitung wird in jedem Heft auf Werkzeug-Versionsstand überprüft und mit dem Datum der letzten Revision unten am Beitrag versehen. Stand: Mai 2026.